Doch niemand hörte sie schreien! (MCPM)

Ich war als Kind winzig und immer knapp vor dem Hungertod. Meine Eltern mussten Spiele erfinden, die mich zum Essen verleiteten, um mich überhaupt am Leben zu erhalten. Auf Grund meiner Zerbrechlichkeit entwickelte mein Vater einen übertrieben starken Beschützerinstinkt.
Außerdem hatte ich ADHS, musste mich ständig beschäftigen und bewegen und konnte nie ruhig bleiben. Die meiste Zeit des Tages lief ich hyperaktiv durch die Gegend und als ich mit gebrochenem Fuß im Krankenhaus lag, holte mich mein Vater so schnell als irgend möglich wieder nach Hause.
Nachdem ich 13 Jahre alt wurde, fragten mich meine zwei jüngeren Cousinen (12 Jahre und 8 Jahre) ob ich mit ihnen in den Sommerferien ein Monat lang auf ein Kinder- und Jugendlager in ihrer Nähe auf den Bergen fahren würde.

Da wir räumlich voneinander getrennt lebten, ich jedoch eine enge Bindung zu ihnen hatte, wollte ich die Chance unbedingt wahrnehmen, mit ihnen Zeit zu verbringen und sagte zu. Als älteren Cousin schauten sie ein wenig zu mir auf.
Mein Onkel brachte uns vor Ort und war die Notfallkontaktperson. Mehrere hundert Kinder versammelten sich vor einem Komplex mit Schlafsälen, Speisesälen und einem Fußballplatz. Ansonsten gab es dort nichts.
Geleitet wurde das Camp von der Mutti und einem vierzigjährigen Mann. Eine Handvoll Studenten, die nicht die geringste Ahnung von Kindern hatten, waren für die gigantischen Kindergruppen zuständig. Der Spaß konnte also beginnen.
Als aller erstes trennte die Mutti alle, die sich schon kannten, untersagten jeglichen Kontakt zwischen den Kindern und teilte uns in zufällige Gruppe ein. Dann stellte uns unser Student an den Waldrand und meinte, wir sollten uns still beschäftigen. Einen Ball für den Fußballplatz gab es nicht.
Ruhig in einer Ecke zu sitzen und zu schweigen machen Kinder und Jugendliche am Liebsten und als kleinstes und schwächstes Gruppenmitglied mit ADHS und Bewegungsverbot war ich hier genau richtig. Das gesamte Gebiet glich bald einem Pulverfass.
Die Kinder bettelten um Unterhaltung und die Studenten waren überfordert, weshalb sie uns bald mit Schreien, körperlicher Strenge und Strafen versuchten ruhig zu halten. Bettruhe war um sieben Uhr, was fast zu einem Aufstand unter uns geführt hätte.
Während sich das Personal mit Lasagne und Schnitzel die Bäuche vollschlug, bekamen wir Reste, Wasser und Brot. Es wurde penibel darauf geachtet, dass wir keinen Kontakt mit anderen Gruppen hatten und schnell wurde mir klar, ich muss hier weg.
Ich ging zur Mutti und sagte, sie solle meinen Onkel anrufen, damit er mich abholen kann, da ich nicht mehr hier bleiben wolle. Sie zögerte dies mit Lügen und Versprechungen einige Zeit gekonnt hinaus.
Am sechsten Tage mussten wir uns alle vor dem Gebäude versammeln und marschierten in Gruppen los. Erst viel zu spät erfuhren wir, dass wir uns auf einem ganztägigen Wandertag befanden, weshalb niemand Wasser dabei hatte.
In sengender Hitze schleppten sich hunderte Kinder stundenlang über einen Berg, bis wir ein karges Mittagessen bekamen. Auf dem Heimweg litt ich unter Halluzinationen, in denen ich immer wieder in einen Swimmingpool sprang, bis ich schließlich zusammenbrach.
Als ich wieder einigermaßen bei Kräften war, machte ich der Mutti klar, dass ich auf keinen Fall länger hier bleiben würde und in diesem Moment machte sie einen entscheidenden Fehler. Sie meinte, sie hätte mit meinem Vater gesprochen.
Er wäre böse auf mich, denn er hätte den Aufenthalt und das Essen bereits bezahlt und wolle mich zuhause nun nicht extra verköstigen. Er würde mich auf keinen Fall abholen! Wer am Anfang aufgepasst hat weiß, dass dies wohl kaum die Worte meines Vaters gewesen sein konnten.
Er hätte niemals als Argument Essen genommen, da er um jeden Bissen froh war, den ich zu mir nahm und auf Grund seines Beschützerinstinktes dachte ich mir nur:
„Wenn die Mutti ihn tatsächlich über die Situation informiert hat, wo bleiben er und seine Armee, um mich hier herauszuholen?“ Es war absolut unmöglich, dass mich mein Vater wegen Geld dort gelassen hätte.
Ich wusste nun, dass mich die Mutti hingehalten hatte und mir reichte es. Als 13jähriges Kind entlarvte ich sie vor versammelter Mannschaft als Lügnerin und machte klar, dass mich sofort jemand abholen sollte.
Ich musste versprechen, meinen Cousinen nichts zu sagen und unsere Eltern nicht zu überreden, sie mitzunehmen. Am nächsten Tag musste ich beim Abendessen eine Krankheit markieren und im Zimmer bleiben, bis mich mein Onkel abholte.
Während ich mit ihm zum Auto ging, flüsterte ich, er solle doch bitte seine beiden Töchter ebenfalls mitnehmen, doch er schien nicht zu verstehen. Ich hatte Angst, dass ich hier bleiben müsste, wenn ich ihn weiter bedrängte, also verstummte ich.
Die gesamte Fahrt den Berg hinunter wartete ich darauf, dass er mich auf meine Beweggründe anspricht, doch er war einfach nur nett und irgendwie gleichgültig. Weder davor noch danach habe ich mit ihm je wieder ein so belangloses Gespräch geführt, wie in dieser Stunde im Auto.
Ich hoffte, meine Tante würde fragen, doch auch sie wirkte nett aber gleichgültig und brachte mich einfach in mein Bett. Am nächsten Morgen wurde ich zu meiner nächsten Tante gebracht, wo mich meine Mutter abholen sollte.
Ich hatte meine ganze Kindheit ein sehr inniges Verhältnis zu meinen Verwandten und war mir sicher, hier endlich angehört zu werden. Doch auch meine andere Tante war einfach nur nett und gleichgültig.
Ich versuchte dies alles zu verdrängen und konzentrierte mich auf meine größte Hoffnung, meine Mutter. Lange vor ihrer Ankunft stand ich bereits mehrere Stunden am Zaun, klammerte mich an die Stäbe und wartete voller Ungeduld.
Endlich sah ich, wie sie den steilen Weg heraufkam, bis sie das erste Mal ihren Kopf hob und mich ansah. Sie wirkte nett und belanglos und in diesem Moment wusste ich, dass auch sie mich nicht fragen würde.
Ich verstand die Welt nicht mehr und verstummte. Wir fuhren über drei Stunden mit dem Zug schweigend nach Hause und schnell war es so, als wäre ich nie fort gewesen. Mein Vater wurde über die gesamte Aktion gleich gar nicht in Kenntnis gesetzt.
Nach einigen schlaflosen Wochen, in denen ich wartete, bis auch meine Cousinen das Ferienlager verlassen hatten und ich erfuhr, dass sie heil zuhause angekommen waren, pendelte sich mein Leben langsam wieder ein.
Als wir uns das nächste Mal trafen, fielen wir uns in die Arme und sprachen gleichzeitig aufeinander ein. Endlich wagte ich es, mir alles von der Seele zu reden und jeder von uns erzählte seine Geschichte.
Die Mutti war wohl der Überzeugung gewesen, dass Kinder belogen werden müssen. Erst behauptete sie, ich hätte mich verletzt, dann ich wäre krank und schließlich ansteckend, so dass niemand zu mir kommen dürfe. Sogar meiner achtjährigen Cousine war klar, dass man mich dann wohl in ein Krankenhaus gebracht hätte.

Überdrüssig der Lügen, der Langeweile und dem dürftigen Essen verloren nun auch meine Cousinen die Geduld und auch sie stellten die Mutti als Lügnerin bloß und denunzierten sie vor versammelter Mannschaft, bis sie gestand, dass ich schon nach einer Woche abgereist war.
Ich schämte mich dafür, dass ich meinen Onkel nicht gezwungen hatte, seine Kinder mitzunehmen, doch meine Cousinen hielten mir das nie vor. Als ich mich umsah, erkannte ich zu meiner Überraschung, dass unsere Eltern den Raum verlassen hatten.

Wir Kinder versuchten die Ereignisse in den kommenden Jahren zu verarbeiten, sprachen oft über das Ferienlager und endeten in Hasstiraden über die Mutti, ihr Gefolge und die furchtbare Zeit. Damals bemerkte ich nur peripher, dass unsere Eltern immer den Raum verließen, wenn wir über dieses Thema sprachen.
Nach einigen Jahren erfuhren wir aus der Zeitung, dass das Ferienlager geschlossen wurde. Neun Kinder und Jugendliche verhungerten und eine anschließende Untersuchung deckte augenscheinlich die Missstände auf.
Jahrzehnte zogen ins Land und inzwischen ist meine ältere Cousine mindestens einmal im Jahr mit meiner Mutter auf Reisen. Als sie zufällig einmal auf dieses Camp zu sprechen kamen, reagierte meine Cousine wie immer mit Hasstiraden, was meine Mutter komplett verstörte.
Als sie mich das nächste Mal traf, fragte sie zum ersten Mal zögerlich: „Was war eigentlich auf diesem Ferienlager los?“ Verwirrt erklärt ich ihr: „Nichts, was meine Cousinen und ich nicht schon hunderte Male herausgeschrien hätten.“ Da sie aber nie anwesend war, erzählte ich die Geschichte noch einmal.
Meine Mutter schüttelte nur den Kopf und sagte: „Nein, das meine ich nicht. Was war dort sexuell?“ Ich starrt sie mit offenem Mund an. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich keine Übergriffe verdrängt hatte, also konnte sie ja nur meine Cousinen meinen.
Doch erneut schüttelte sie den Kopf und sagte: „Nein, was war dort sexuell mit dir los?“ In diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen und Flashbacks von den damaligen, gezwungen belanglosen Gesichtsausdrücken meiner Verwandten und meiner Mutter schossen mir durch den Kopf.
Plötzlich verstand ich alles: Die Mutti hatte meinen Onkel angerufen und in ihrer Not gelogen, dass ich, als unterernährtes, kleinstes Federgewicht, die anderen Jungs sexuell belästigt hätte, nicht mehr tragbar gewesen wäre und sofort abgeholt werden müsste.
Sie wollte die Schuld auf mich schieben und mich unglaubwürdig machen, damit ich meinen Eltern nicht von den Missständen erzählen kann. Ihre Taktik ging auf. Dass sie damit einen 13jährigen Jungen in seiner gesamten Verwandtschaft als Sexualtäter tituliert hatte, war ihr wohl gleichgültig.
Die Erwachsenen sagten nichts, weil sie mir das unangenehme Gespräch ersparen wollten, sondern achteten lediglich darauf, ob ich ein abnormes Verhalten an den Tag legen würde, was sie jedoch bald verneinen konnten.
Sie verließen den Raum, wenn wir Kinder darüber sprachen, weil sie wussten, dass meine Cousinen zu mir aufblickten und glaubten, dass sie nur so taten und mit ihren Hasstiraden von meinen Taten ablenken wollten.
Erst als meine Cousine ohne mich dieselben Tiraden abließ, begriff meine Mutter, dass dies wohl doch nicht meiner Verteidigung diente und stellt die ganze Angelegenheit nach über zwanzig Jahren wieder in Frage.
Es waren andere, unaufgeklärtere Zeiten, doch ich weiß, dass ich den Tod der neun Kinder verhindern hätte können, wenn ich etwas gesagt hätte, dass ich meine Cousinen hätte mitnehmen müssen und unsere Eltern besser reagieren hätten können.
Doch bevor ihr mit dem Finger auf uns zeigt, stellt sicher, dass nicht auch ihr gerade den Hilferuf eines Kindes in eurem Umfeld überhört. Vielleicht kennt ihr den Satz: „Warum hast du denn nichts gesagt?“

Kinder drücken sich auf verschiedenste Weisen aus und vielleicht haben einige Vergewaltigungsopfer, die nie etwas gesagt haben, doch etwas gesagt, doch niemand hörte sie schreien!

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