Das Damengabit

Das Damengabit von Scott Frank und Allan Scott ist eine Serie auf Netflix. Zuerst spoilern wir die Handlung. Achtung: Dies könnte eine leicht, aber nur leicht überzeichnete und reduzierte Darstellung sein:
Beths Mutter hat beschlossen, dass sich der ganze Aufwand mit dem Leben weder für sie, noch für ihre Tochter lohnt und donnert mit vollem Karacho in einen Wagen auf der gegenüberliegenden Fahrbahn, um nicht nur sich selbst zu töten, sondern gleich auch noch ihre Tochter und den anderen Fahrer. Von dieser symphatischen Person stammt nun Beth, die diesen Autounfall überlebt hat. Was mit dem anderen Fahrer geschehen ist und warum Beth den Autounfall überhaupt überlebt hat, interessiert hier niemanden. Beth kommt in ein Heim, wird dort drogensüchtig gemacht, beginnt an der Decke über ihrem Bett Schach zu spielen und wird schließlich adoptiert. Der Ziehvater verlässt ihre depressive Ziehmutter, doch als Beth mit dem Schachspielen Geld verdient, blüht diese auf. Mutter und Tochter reisen durch die USA bis nach Mexiko und frönen dem Geld, dem Alkohol und den Tabletten, bis die Mutter plötzlich wegen Drogenmissbrauch stirbt. Beth wird im Schach immer besser und lernt dadurch viele andere Charaktere kennen, die meist nach einer Folge wieder verschwinden. Letztendlich verliert jeder im Schach gegen Beth, außer der russische Großmeister Vasily Borgov, weil sie sich am Tag zuvor mit Alkohol und einer Lesbe das Hirn wegballert hat. Letztendlich fliegt Beth jedoch nach Moskau und spielt ein letztes Mal gegen Borgov. Am Ende tauchen plötzlich alle vergangenen Charaktere auf, um ihr zu helfen. Sie spielt das Damengambit, das in keinster Weise erwähnt oder gar erklärt, sondern nur schwer ersichtlich im Hintergrund dargestellt wird und gewinnt. Nun scheint sie ihre Freunde nicht mehr zu benötigen und lernt stattdessen alte, russische Männern kennen.
Beth zeigt bis zum Ende der Serie kaum Emotionen. Sie ist nicht unsympathisch, doch auf keinen Fall ein Charakter, mit dem sich irgendjemand identifizieren kann oder gar will. Alle Menschen um sie herum versuchen einfach alles, um der drogenabhängigen Göre, die wie verrückt mit Geld um sich wirft, zu helfen und ernten nur emotionale Kälte. Erst als Beth ihre Hilfe benötigt, wird sie etwas emotional, was ihr herabwürdigendes Verhalten natürlich total rechtfertigt. Zahlreiche Charaktere bleiben auf der Strecke oder verrecken, nur damit Beths Geschichte erzählt werden kann.
Doch worum geht es in Damengambit? Um ehrlich zu sein, habe ich nicht die geringste Ahnung. Um Schach geht es auf alle Fälle nicht. Es scheint nicht nötig zu sein, Schach in irgendeiner Art und Weise zu erklären oder die Spiele dramaturgisch zu zeigen, bis es zur letzten Auseinandersetzung kommt. Hierzu schreibt Wikipedia: „Es wird tatsächlich ein klassisches Damengambit gespielt, das im Mittelspiel zu einer für beide Spieler dynamischen und gefährlichen Situation führt.“ Tatsächlich! Nicht einmal Wikipedia konnte augenscheinlich am Ende noch glauben, dass das namensgebende Damengambit vorkommt. Natürlich muss so ein Spielzug nicht erklärt werden, da dies offensichtlich zur Allgemeinbildung gehört.
Auch zur Liebesserie taugt das Ganze nicht und wie man mit Drogen umgeht, haben die Macher ebenfalls nicht begriffen. Noch nicht einmal Probleme, die für eine Waise im Heim auftreten könnten, die Unterdrückung der Frau in den 60er/70er, zwischenmenschliche Beziehungen oder irgendetwas anderes wird hier thematisiert. Es geht einzig und allein darum, dass eine Göre Schachweltmeisterin wird, ohne auch nur im Geringsten etwas von Schach zu erzählen. Klingt ziemlich sch(w)achsinnig.
Was möchte uns diese Serie sagen? Der Vater wollte sich um Beth und ihre Mutter kümmern, doch diese hat ihn weggeschickt. Dann hat er sich ein neues Leben aufgebaut und wollte nichts mehr von seiner Ex und seiner Tochter wissen. Daraufhin hat die Mutter versucht, sich und zwei andere Menschen zu töten. Dies wird nicht näher thematisiert, soll aber anscheinend Beths Verhalten rechtfertigen.
Beth nimmt Drogen und kann dadurch besser Schach spielen. Lange nach dem Drogentot ihrer Mutter kommt sie plötzlich vollkommen überraschend dahinter, dass Drogen doch nicht so gesund sind. Dann erkennt sie jedoch, dass sie mit Drogen besser Schach spielen kann, bis sie letztendlich doch keine Drogen mehr benötigt. Also was jetzt? Quetscht man die Essenz aus den sieben, sehr langen Folgen, in denen sehr wenig geschieht, geht es wohl mehr um Drogen, als um Schach. Auch wenn man meinen möchte, dass es am Ende um das Damengambit geht, so liegt der Fokus wohl auf folgendem: Beth hat nun ausnahmsweise keine Drogen mehr genommen, blickt wieder einmal zur Decke wie in ihrer Kindheit und gewinnt die Partie durch ihre Vorstellungskraft. Zumindest das war ganz nett.

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