00-1 Überfall auf das avantgardistische Schurkenversteck (Mit Kessel und Besen)

Mit Kessel und Besen
Prolog: Vom Loch im Boden
0.1 Überfall auf das avantgardistische Schurkenversteck
Mein Name war Benedikt. Ich wurde ohne Vorwarnung und mit fragwürdigen Erinnerungen von meiner Mutter unter Überzeugung geboren, benötigte zahlreiche Jahre um zu wachsen und hatte als Neugeborener nichts Weltbewegendes zu sagen, noch vermochte ich Berge zu versetzen. Ich nutzte die ersten Jahre meines Lebens, um mich eingehend mit meinem Körper zu beschäftigen, leckte an und biss in Dinge, lernte nach dem Essen ein Bäuerchen zu machen und später den Boden mit meinem Leib zu säubern. Meine Mutter überzeugte mich durch beispielhafte Selbstdarstellung von den Vorteilen des aufrechten Gangs und bald begann ich mit dem Versuch fundamentales Wissen zu überreden, in meinem Kopf heimisch zu werden. Meine Mutter unterstützte mich bei meiner Entwicklung nach bestem Wissen und Gewissen. Erst klopfte sie mir freundschaftlich auf den Rücken, dann räumte sie hinter mir her und als ich in die Pubertät kam, ließ sie mich einfach gewähren. Sie ist eine gute Frau und ich liebe sie.
Mit meinem Vater hatte meine Mutter nur eine einzige Nacht in einem fernen Land verbracht. Am nächsten Morgen fand sie lediglich einen Zettel auf seinem Kopfkissen auf dem stand: „War gut gewesen.“ Seither hatte sie nie wieder etwas von ihm gehört. Sie verbrachte viele Stunden ihres Lebens in diversen Arbeitsverhältnissen und frönte nur einer einzigen Freizeitbeschäftigung, nämlich mir. Da sie jedoch täglich lange schuften musste, war ich oft auf mich allein gestellt. Wann immer es mir möglich war, flüchtete ich mich in meine Fantasie und bestritt atemberaubende Abenteuer in gigantischen, bunten Welten voll von Magie, Drachen, Göttern und Dämonen. Dabei bemerkte ich, dass etwas Unbekanntes in den Tiefen meiner Fantasie schlummerte. Ich versuchte meine Seele zu ergründen und fand ein Gewirr aus Gedanken und Stimmen, die mit jedem bestrittenen Lebensjahr lauter zu werden schienen, bis sich das stetige, dröhnende Flüstern erhob. Da meine diesbezüglichen Schilderungen von meinen Mitmenschen eher negativ aufgenommen wurden, begann ich die Stimmen zu ignorieren und brachte sie schließlich gänzlich zum Schweigen. Nur hin und wieder erlitt ich einen Anfall. Ich weiß, dass sie noch immer tief in mir schlummern und lauern.
Auch mein Sarkasmus wurde von meinen Mitmenschen nicht lobend gewürdigt und so blieb ich ein Außenseiter. Ich vermied tunlichst soziale Kontakte und schaffte es lediglich die Gegenwart von meiner Mutter als angenehm zu empfinden. Meine schulischen Erfolge reichten aus und schließlich wuchs ich zu einem Jugendlichen heran. Abseits von gesellschaftlichen Normvorstellungen war ich ein ganz normaler Junge mit katzenartigen Reflexen, einer ausgezeichneten Hand- Augenkoordination, herausragenden Führungsfähigkeiten und einer hervorragenden Rhetorik.
Eines Tages fand ich ein Multimassives-Angeschlossenes-Rollenspiel, bei dem man mit zahlreichen anderen Menschen über weite Distanzen Abenteuer in fantastischen Welten bestreiten konnte. Dies war meine Chance, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und bald erblickte der stolze Krieger Benedictus das Licht der Welt. Mutig stand ich immer in der ersten Reihe, schloss mich bald einer kompetenten Vereinigung an und wurde binnen kurzem zum Leiter der „Sakralen Gilde, Geißel von Erebus und anderen düsteren Gesellen“ erwählt. Ich führte meine Gefährten gegen die Barbaren im Land der Himmelsstacheln und überwand mit ihnen den epochalen Rücken des betenden Titanen. Wir waren die erste Gilde, die die Zunftmeister zwischen den zitronengelben Zypressen besiegten und uns nun den Schurken stellen würden. Unsere Namen gingen über die Lippen von zahlreichen gemeinen Helden.
Es war der Tag meines 16. Geburtstags und die Minute, in der ich vor so vielen Jahren geworfen wurde, rückte unweigerlich näher. Ich saß gerade gemütlichst in meinem Lehnstuhl in meinem Zimmer, optimierte noch meine Fingernägel, um die uneingeschränkte Kontrolle über meinen Krieger zu besitzen und plante den Überfall auf das avantgardistische Schurkenversteck. Gerade als ich mit meinen Ausführungen beginnen wollte, betrat meine Mutter mein Zimmer und brachte mir Erdbeertee. Ich gab ihr eloquent zu verstehen, dass der bevorstehende Angriff mindestens vier bis fünf Stunden dauern und ich meine volle Konzentration benötigen würde. Sie sicherte mir ihre vorübergehende Abwesenheit zu, doch ich wusste, dass sie spätestens in einer Stunde mit einem neuen Erdbeertee und Keksen wieder kommen und nach unseren Erfolgen fragen würde. Sie war eben eine fürsorgliche Mutter und ich liebe sie bedingungslos.
Ich wartete geduldig, bis sie mein Zimmer verlassen hatte, nahm einen Schluck des Heißgetränks und begann meine Gilde zu instruieren: „Liebe Gefährtinnen und Gefährten! Wir haben heute einen langen Weg vor uns und werden gegen Ende tief ins avantgardistische Schurkenviertel vordringen. Direkt vor uns erstrecken sich die Wiesen der Verwaisten auf denen der Schweinehirte auf uns wartet, welcher uns seine testierfähigen Eber auf den Hals hetzen und uns mit seiner Mistgabel zu Leibe rücken wird. Nach einem längeren Pfad und zahlreichem Gesinde gelangen wir über den Wehrgang in die Stadt und werden uns um den blutigen Metzger kümmern, der uns mit seinem Beil und seinen untoten Balzschweinchen das Leben nehmen wollen wird. Am Ende des heutigen Überfalls gelangen wir in das Schurkenversteck, wo der Grillhans auf uns wartet. Er ist ein Fleischfresser durch und durch, duldet keine Vegetarier und greift jeden an, der Kräuter oder Wasser bei sich trägt. Danach kann sich die Gilde verdient ausruhen, bis wir morgen unseren Schlachtzug gegen den Anführer, den großen Fleischwolf beginnen und ihn den Gar ausmachen werden. Bitte plant auch morgen mindestens vier Stunden ein, denn der Wolf mit seinem gigantischen Fleischermesser im Maul ist kein Zuckerschlecken.
Doch nun zum ersten Gesinde, welches nicht einfach zu besiegen sein wird. Die neurotischen Gesellen des Schweinehirten dürfen nicht unnötig in Angst versetzt werden, da sie sonst sofort zum Dorf laufen und den Pöbel alarmieren. Ihr kennt das vom letzten glücklosen Angriff. Ich werde als erstes die mollige Maid anstürmen, während sich der Barbar um den Koteletterabauken kümmert. Die Heiler achten bitte dieses Mal sorgfältig auf die Gallenpfützen der Hirtenanwärter. Die Magier kümmern sich um die Schafe und verlangsamen im Notfall die flüchtenden, neurotischen Gesellen mit ihren Eiszaubern, während die Jäger die Phalanx der verdrießlichen Hunde und das restliche Vieh in ihren Fallen kontrollieren. Passt auf, dass euch die Köter nicht beißen und mit Tollwut infizieren. Die Fernkämpfer und besonders die Waldläufer müssen sich mit ihren Attacken zurückhalten, bis sich der Mob vollkommen auf den Barbaren und mich konzentriert. Sollten unerwarteter Weise die dämonischen Krähen auftauchen, müssen sie sofort von den Paktierern gebannt werden. Noch Fragen? Alle bereit? Fünf, Vier, Drei, Zwei.“
Ich stürmte los und wie immer surrten einige Pfeile zu früh über mich hinweg, doch wir bekamen den Mob schnell unter Kontrolle, während ein Späher seelenruhig im Fliegenschwarm stand und ein Schamane über die Klippe in das requirierende Meer schlenderte. Es ist immer dasselbe. Schon nach einer halben Stunde hatten wird den Schweinehirten erreicht. Ich erklärte die Taktik und visierte den ungewaschenen Jungen mit seinem Strohhut an. In der Sekunde meiner Geburt vor 16 Jahren stürmte ich erneut los, als sich plötzlich ein etwas unscharfes Portal in den buntesten Farben unter meinem bequemen Lehnstuhl öffnete und ich in die Tiefe stürzte.
Ich verdrehte genervt meine Augen und fluchte: „Das ist jetzt aber ungünstig.“

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